Toleranz für ein unbeschwerteres Zusammenleben

Letztes Update: 22.04.24

 

Tolerant, divers, queer: Schöne neue Welt – Man kann die Augen nicht vor den schlechten Nachrichten dieser Zeit verschließen: Die Ukraine muss einen brutalen Angriffskrieg abwehren, in Syrien und der Türkei sichtet man die Schäden eines heftigen Erdbebens und in New York meint ein alternder Macho, als ehemaliger Präsident über dem Gesetz zu stehen.

Trotzdem (oder gerade deswegen) sollte man die positiven Nachrichten nicht ignorieren. Zu diesen gehört etwa die Tatsache, dass weite Teile Europas von so toleranten Menschen bewohnt werden wie nie zuvor. Dazu hat der deutsche Lesben- und Schwulenverband (LSVD) die Antworten aus einer repräsentativen Umfrage von 2021 veröffentlicht. Und es sieht danach aus, als wenn sich die positive Tendenz weiter fortgesetzt hat.

 

Conchita war eine Türöffnerin

Der fulminante Auftritt der bärtigen Diva aus Österreich hat nicht nur das ESC-Publikum aufgewirbelt, sondern vielen Europäern einen Spiegel vorgehalten. Die Nord- und Westeuropäer fühlten sich angesichts von Stimmvolumen, Inszenierung und natürlich der Melodie an großartige James-Bond-Songs erinnert. Lediglich im Osten Europas schüttelten viele Menschen nach wie vor ungläubig den Kopf. Das hat die Westeuropäer allerdings weitgehend kaltgelassen: Die Gesellschaft hier ist seither noch offener und toleranter geworden. Viele Pärchen haben längst ein anderes Liebesspiel als die Missionarsstellung für sich entdeckt – und insgesamt kann offener über Sex und Erotik gesprochen werden. Ähnlich verhält es sich mit Sextoys: Noch in den 1990er-Jahren musste man mit hochgeschlagenem Kragen den schmuddeligen Sexshop hinter dem Bahnhof aufsuchen, um einen fleischfarbenen Dildo zu erstehen und sich wieder davonzuschleichen. Heute werden besondere Sexspielzeuge sogar in öffentlich-rechtlichen Talkshows thematisiert.

 

Auch eine YouGov-Umfrage von 2021 lässt aufhorchen

In der besagten Erhebung wurden 10.175 Europäer aus acht verschiedenen Ländern (Deutschland, Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Italien, Schweden, Spanien und den USA zu ihrer Position gegenüber der LGBTQ-Community befragt. Dabei stand der Umgang mit schwulen, lesbischen und bisexuellen Menschen aus dem eigenen Umfeld besonders im Mittelpunkt. Eine Erkenntnis: Religiös bedingte Vorbehalte spielen offenbar nur eine geringe Rolle. Denn im stark katholisch geprägten Spanien würden laut Umfrage 87 % der Befragten ein eigenes Kind oder ein anderes Mitglied aus der engeren Familie bei einem Outing als transgender beziehungsweise nicht-binär unterstützen. Das laizistische Frankreich ist hier weit reservierter, denn hier liegt dieser Wert lediglich bei 47 %.

Doch es gibt auch Unterschiede bei der Selbst-Definition. In Spanien ordnen sich 10 % der Befragten der LGBTQ-Community zugehörig, während der Wert in Dänemark nur halb so hoch ist. Deutschland belegt ebenfalls einen der hinteren Ränge. Es muss allerdings noch untersucht werden, ob und inwieweit gesellschaftliche Konventionen eine Rolle spielen. Zudem muss man davon ausgehen, dass das Bild etwas verzerrt ist: Einige Befragte werden sich über die eigene Position nicht im Klaren sein oder sich diese nicht eingestehen. Andere zeigen sich wahrscheinlich in der Umfrage offener als in ihrem gelebten Alltag.

Der Playboy hat ebenfalls gefragt: Sind die deutschen sexueller Vielfalt gegenüber tolerant?

Das Meinungsforschungsinstitut hat 2021 im Auftrag des Magazins 1.23 Interviews mit zufällig ausgewählten Personen geführt. In diesen gaben 67 % der Männer und 75 % der Frauen an, CSD-Demos positiv zu bewerten. Nur 11 beziehungsweise 5 % lehnen derlei Demonstrationen vollkommen ab. Auch die „Ehe für alle“ findet eine mehrheitliche Zustimmung: 82 % der Frauen und 62 % der Männer sind dafür, dass sich gleichgeschlechtliche Paare das Jawort geben dürfen. In einem Bereich bleiben die Deutschen offenbar zugeknöpfter: 28 % der Frauen und sogar 45 % der Männer sind überzeugt, dass sexuelle Minderheiten in der Öffentlichkeit und in den Medien weniger Raum als aktuell bekommen sollten.

 

Fakt ist: Die Veränderung lässt sich nicht mehr zurückdrehen

In gleichem Maße wie die Zuwanderung aus anderen Ländern und fremden Kulturen wird die sexuelle Vielfalt von einigen Menschen nach wie vor mit Befremden aufgefasst. Doch wenn man die neuen Realitäten akzeptiert und es als Tatsache anerkennt, dass Menschen auch in ihrer Sexualität verschieden sind, kann man dies auch als Bereicherung für das eigene Leben begreifen. Dabei spielt es auch keine Rolle, woher man selber kommt und wie man sich sexuell definiert. Intolerante Menschen werden es in der Zukunft jedenfalls immer schwerer haben, ihre gestrige Position zu verteidigen. Wenn das mal keine gute Nachricht ist!

 

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